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...das Training (1/3) Die Grundlagen

Als ich vor ein paar Jahren eine Reiterin gefragt habe, wie man auf CEI** oder CEI*** Niveau trainiert, sagte sie: "Du weisst erst, wie gut du trainiert hast, wenn das Rennen vorbei ist." Das ist wohl wahr. Jemand anderes sagte: "Für 160km trainierst du gleich wie für 120km, das Pferd muss einfach für die letzten 40km genügend Energie haben." Auch das ist einleuchtend. Aber wie soll man denn nun trainieren? Wenn mich das jemand fragen würde, wäre auch meine Antwort zum verzweifeln: Im Training von Endurance-Pferden ist alles erlaubt. ABER....


In drei Teilen wage ich mich an das Thema "Training von Endurance Pferden".

...das Training (1/3) Die Grundlagen: Was ist Training? Was ist der Zweck? Was kann ich vor dem Training beachten, um meine Trainingseinheiten zu verbessern? Wie reagiert der Pferdekörper auf einen Trainingsreiz?

...das Training (2/3) Beispiele: Anhand unserer zwei komplett verschiedenen Pferde will ich Die Grundlagen aufzeigen.

...das Training (3/3) Die Umsetzung: Wie können Trainings für die verschiedenen Streckenlängen konkret aussehen?


Auch hier wird kein fertiges Rezept entstehen. Vielmehr will ich einen Überblick schaffen und die Komplexität herunter brechen. Ich versuche, neutral und informativ zu schreiben. Meine eigenen Gedanken sind als Meine Werte am Ende des Textes markiert. Ich habe ein privates Video eingefügt und ein tolles Foto von Jenny Commons bekommen. Ein Bilderbuchbeispiel kann ich euch also nicht geben, aber dafür ein authentisches Beispiel;)

Was ist Training?

Training beginnt eigentlich schon, wenn Fohlen spielen und herum rennen. Sie lernen die Koordination ihres Körpers, kräftigen ihre Sehnen, Bänder, Knochen und Muskeln, erhöhen die Beweglichkeit ihres Körpers und brauchen ihren Herz-Kreislauf-Apparat.

Wenn aus den Fohlen junge Pferde werden, beginnen wir mit ihnen zu arbeiten. Wir longieren sie, setzen uns das erste Mal auf ihren Rücken, beginnen mit kurzen Ausritten im Schritt. Auch das ist Training. Durch die verschiedenen Belastungen verbessern sich die Koordination, die Beweglichkeit und die Ausdauer. Wenn sie dann noch etwas älter und erfahrener werden, trainieren sie durch die Arbeit Kraft, Kraftausdauer und Schnelligkeit. Während des Aufbaus geht es darum, dass das Pferd lernt, das Reitergewicht schonend zu tragen.


Merke I Der Trainingseffekt...

...bewirkt eine Stärkung der Strukturen (Knochen, Sehnen, Bänder, Muskeln, ...), des Stoffwechsels (Organe, Schweissdrüsen, Durchblutung, ...), und der mentalen Stärke.


So viel zur theoretischen Grundlage. Training hat also im herkömmlichen Sinne nichts mit dreistündiger Galopparbeit für ein Rennen über 160km zu tun. Training ist die Arbeit, die wir machen, damit sich unser Pferd unter dem Reiter beweglich, geschmeidig, ausbalanciert, schonend und kraftvoll bewegen kann und somit mit höherer Belastung gesund bleibt.


Dies führt mich zur Ausbildungsskala, die für das Endurancepferd von grosser Bedeutung ist.

Die Erklärung der grossen Bedeutung ist grundsätzlich einfach: joggen wir mit steifen Beinen, hochgezogenen Schultern und unbeweglichem Rücken einen Hang hinunter, schmerzt es uns irgendwann an verschieden Stellen im Körpern. Der steife Körper kann die Schläge nicht abfangen, oder eben durchlassen. Ein durchlässiger Körper kann die belastenden Schläge abfedern. Er ist so bei gleicher Belastung weniger anfällig auf Verletzungen. Das ist ein Grund, wieso ich die Wichtigkeit der Durchlässigkeit betonen will: Die Verletzungsgefahr kann im ganzen Pferdekörper minimiert werden.


Beispiel für die Arbeit mit Endurance-Pferden: Vicomte du Braisios macht schwungvolle, kräftige Bewegungen.



Bild: Jenny Commons (danke!)






Beispiel im Galopptraining: Karajol galoppiert im Gleichgewicht. Das kann man daran sehen, dass er rhythmische und immer gleich grosse Galoppsprünge macht.



Video: Josefine Flury







Die Haltung, vor allem im Galopp, hat auch einen Einfluss auf den Stoffwechsel. Trägt das Pferd den Kopf hoch, ist es im "Fluchtmodus". Adrenalin fliesst und die Verdauungsorgane werden nicht mehr genügend durchblutet, da das Blut in der Muskulatur benötigt wird. In einem ruhigen Galopp und einer ausbalancierten Haltung macht das Pferd pro Galoppsprung ein Atemzyklus (ein- und ausatmen) und die Verdauungsorgane können arbeiten.


Merke II

Wieso die Durchlässigkeit wichtig ist

Damit der Pferdekörper unregelmässige oder harte Böden oder hohe Tempi abfedern kann, muss er wortwörtlich "durchlässig" sein. Die Strukturen des Körpers bleiben eher unbeschadet.


Der Zweck

Die vier Bilder zeigen unterschiedliche Bedingungen während des Rennens bezüglich Bodenbeschaffenheit, Streckenlänge, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Das Ziel des Trainings ist es, dass der Körper sich an die verschiedenen Bedingungen anpassen kann.


Merke III

Der Fokus...

...sollte beim trainieren nicht darauf liegen, die Leistung zu steigern. Das Training dient zur Erhaltung der Gesundheit während der Leistung.


Bevor ich trainiere...


Was für ein Pferd habe ich?

  • Gesundheit Gibt es bekannte Verletzungen oder Befunde? Durch welche Unfälle oder Begebenheiten passierten diese? Hat das Pferd körperliche Schwachstellen (empfindliche Hufe, Verspannungen, schnell gestörte Verdauung, leicht gereizte Strukturen,...)?

  • Ausbildungs-/ Trainingsstand Wo steht es in der Ausbildungsskala? Wie wurde mein Pferd in der Vergangenheit trainiert? Was hat es bisher geleistet?

  • Körperbau und Biomechanik Ist der Pferdekörper lang, kurz, Stellung der Gelenke, Winkel der Schulter, Stellung der Hufe, ... Wie kann man seine drei Gangarten beschreiben (flach, hoch, ökonomisch, hart, weich, ...)? Wie (un-)beweglich ist es? Welche Seite ist stärker, bzw. schwächer?

  • Mentale Stärke/ Charakter Wie geht es mit Stress um? Wie/wann zeigt sich sein Durchhaltewillen? Durch was ist es motiviert?

  • Ruhepuls/ Regeneration Um den Ruhepuls zu ermitteln, wird drei Mal täglich zu unterschiedlichen Zeiten gemessen. Von den drei Werten nimmt man den Durchschnitt.

  • Rasse/ Abstammung

  • Management Haltung, Fütterung, ...

Was ist mein Ziel?

  • Ich will eine längere/ anspruchsvollere Strecke reiten, wie bisher

  • Ich will das Tempo erhöhen (mein Wert: entweder die Strecke verlängern oder das Tempo erhöhen. Nicht beides gleichzeitig.)

  • Ich will in der nächsten oder der übernächsten Saison ein Championat reiten (mein Wert: Je höher das Niveau, desto eher lohnt es sich, auch die übernächste Saison zu planen. Wenn ich diese Saison die Novice-Qualifikation mit zwei EVG4 beende, dann reite ich diese angepasst, um nächste Saison CEI*-CEI** reiten zu können.)

Wie sind die Begebenheiten des Distanzrittes?

  • Wetterbedingungen: Hitze, Luftfeuchtigkeit, Wind, ...

  • Bodenbeschaffenheit: weich, hart, wechselnd, Steine, Sand, tief, ...

  • Höhenmeter

  • Aufteilung der Strecke: lange Schlaufen und weniger Pause, kürzere Schlaufen und mehr Pausen, Mehrtagesritt ...

  • Zu erwartende Geschwindigkeit des Startfeldes: Resultate der letzten Austragungen

Zusammensetzung

An diesem Punkt entwickelt sich langsam das "Gefühl für das Training", wie ich es ehrfürchtig nenne;). Wenn ich mein Pferd bis ins Details kenne und weiss, was mein Ziel ist und für welche Begebenheiten ich trainieren, dann kann ich beginnen, mein Training zu planen.

Die Reaktion des Pferdekörpers auf einen Reiz

Nachdem man einen Trainingsreiz gesetzt hat, gibt man dem Körper Zeit, sich zu regenerieren. In der Phase der Regeneration findet eine Superkompensation statt. Sie bewirkt eine Steigerung der Leistung. Geben wir unserem Pferd nicht genug Regenerationszeit, trainieren wir zu intensiv und/oder zu oft, fällt die Leistung ab (Übertraining).


Quelle: www.online-fitness-coaching.com

Verschiedene Regenerationszeiten des Pferdekörpers:

  • Der Laktatwert erholt sich etwa nach ca. 2 Stunden

  • Der Glykogenhaushalt (Energiespeicher) erholt sich nach ca. 2-3 Tagen

  • Beschädigte Zellorgane erholen sich nach ca. 10 Tagen

  • Knochen erholen sich nach ca. 60 Tagen!




Merke!

I Der Trainingseffekt bewirkt eine Stärkung der Strukturen (Knochen, Sehnen, Bänder, Muskeln, ...), des Stoffwechsels (Organe, Schweissdrüsen, Durchblutung, ...) und der mentalen Stärke.

II Ein durchlässiger Pferdekörper bleibt eher unbeschadet, da er unregelmässige oder harte Böden oder schnelle Tempi besser abfangen kann.

III Der Fokus des Trainings liegt auf der Erhaltung der Gesundheit während der Leistung.


Meine Werte

> GEFÜHL FÜR DAS TRAINING: ich strebe immer danach, mein Pferd in all seinen Facetten bestmöglich zu erfassen, damit ich es auf die bevorstehende Leistung vorbereiten kann.

> In den Trainingspausen geschieht das Training.

> Das Tempo erhöhe ich erst, wenn ich weiss, dass der Körper die Belastung abfangen kann. Während jedes Trainings lege ich einen grossen Wert auf eine gute, losgelassene Haltung.

> Ich erhöhe entweder die Strecke oder das Tempo, nicht beides gleichzeitig.

> Ich plane die nächste Saison mit und reite diese Saison dementsprechend. Beispiel: Für Hissane Mohanadi (8 Jahre) ist dieses Jahr geplant, die Novice-Qualifikationen zu beenden (EVG 2-4). Mein Ziel ist es, ihn 2022 auf dem Niveau CEI*-CEI** laufen zu lassen. Die Novice-Qualifikationen sind für mich Möglichkeiten, um ihn an das angestrebte Niveau heran tasten zu lassen und ihn ins Detail (Stichwort "Gefühl für das Training" ;)) kennen zu lernen.


Abschliessend...

Ich versuche, möglichst viele Informationen einzuholen und zu verarbeiten. Wenn du noch etwas als wichtig erachtest, kannst du es mir unbedingt schreiben! Gerne nehme ich Feedback entgegen, um meine Beiträge noch leserlicher/informativer/verständlicher zu gestalten!

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